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Solidarität brauchen jetzt die Jungen

Seit Covid 19 unseren Alltag drangsaliert, reden wir – erstaunt, erfreut – davon, eine neue Solidarität habe die Gesellschaft erfasst: die der Jungen mit den Alten (Nachbarschaftshilfe, Disziplin im Lockdown). Die ist auch mir nicht entgangen, doch ich finde nicht erst seit Corona: Es ist Zeit, dass wir Alten solidarischer mit den Jungen werden.

Ich bin 76, ich halte meine Generation für die verwöhnteste, die je ins Alter kam. Ab 1945 ging es stets aufwärts, mit der Freiheit, dem Wohlstand, dem Wachstum. Mehr Bildung, mehr Freizeit, mehr Komfort, mehr Rente, mehr Medizin. Nicht dass wir in Saus und Braus gelebt hätten, nein, wir kannten Armut oder doch Einschränkung besser als heutige Junge, wir waren fleissig und solid. Verwöhnt hat uns der Lauf der Welt, Kriege und gröbere Krisen blieben uns erspart. Irgendwann begannen wir zu glauben, das sei unsere Leistung, nicht unser Glück. Dafür erwarten wir nun Respekt, gar Dankbarkeit.

 

Die junge Generation hat eine ganz andere Zukunft vor sich, voller Ungewissheit. Sie muss manches besser machen als wir. Die Grenzen des Wachstums, das wir vorantrieben, machen sich bedrohlich bemerkbar: in der Luft (Klima), im Wasser (Pestizide), am Boden (Artenverlust). Auch zivilisatorisch kippt manches, das wir als Gratifikation der Moderne betrachten: Mobilität, Konsum, Tourismus. Kurz, die Lage der Jungen wirkt nicht grad rosig – auch mit Blick auf die Finanzierung all der Reparaturen.

 

Da hinein trifft Covid 19. Und mit ihm die Solidarität mit uns Alten. Die spielte prima. Die Jüngeren blieben diszipliniert zu Hause, obwohl sie selber kaum gefährdet waren, sie organisierten Nachbarschaftshilfe, gingen für uns Ältere einkaufen. Das Virus trifft Alte und verschont – mit Ausnahmen – die Jungen. Im Kern der Risikogruppe: Leute über 75, mit Vorerkrankungen. Also wollten die geschützt werden – auch um das Gesundheitssystem nicht kollabieren zu lassen. Ich wunderte mich anfänglich: Warum muss man praktisch das ganze Leben stilllegen, bloss damit ich Alter noch ein bisschen weiter lebe? Bis ich kapierte: Wir Alten haben nicht nur ein Risiko. Wir sind eines. Wir sind das Risiko. Falls wir massenhaft erkranken, brechen die Spitäler zusammen – womit die gesamte Gesellschaft den Schlamassel hätte.

 

Der Preis dafür war und ist enorm. Bezahlen müssen ihn die Jüngeren. Wir Alten haben unsere Renten (Altbundesräte mehr, andere weniger) im Trockenen; niemand wird wagen, sie zu kürzen. Die erwerbstätige Generation hat alle Hände voll zu tun, die schwer geschädigte Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen; manche werden arbeitslos, sobald die staatlichen Zahlungen ausbleiben. Die junge Generation war und ist durch die «Einschränkungen» noch vitaler betroffen. In den Monaten des Lockdowns fehlte Kleinkindern, für die Motorik mindestens das halbe Leben bedeutet, die freie Bewegung. Schulkindern wurden die Schulen geschlossen, der digitale Ersatz verstärkte die sozialen Differenzen. Teenager versauerten, sie brauchen zum pubertären Experimentieren den Ausgang. Jugendliche, die gerade dabei sind, eine Lehre oder ein Studium zu beenden, werden nur mit Glück den Einstieg in die Berufswelt schaffen; Firmen, die eigene Leute in Kurzarbeit haben, stellen bis auf Weiteres keine Unerfahrenen ein. Gegen 20 000 Lehrstellen sind bereits verloren.

 

Kurz, die Pandemie drückt auf die beruflichen Lebenschancen der Jungen. Sehen wir das zusammen mit den ohnehin durchzogenen Zukunftsaussichten, die ich oben skizzierte (Klimawandel, gefährdete Altersrenten), so wird von selbst klar: Das Verhältnis zwischen den Generationen verkehrt sich. Wir Alten, traditionell stets die hilfsbedürftige Fraktion der Gesellschaft, geraten in die Position der Gesicherten und Lebenslustigen. Unser bislang sogenannter «Lebensabend» dehnt sich zum Lebensnachmittag aus – und verwandelt Senioren wie Gesellschaft. Bis 2010 gruppiert sich die Schweiz so: 2 Millionen Junge, 5,5 Millionen Erwerbstätige, 2,5 Millionen Rentner. Die tätige Generation, knapp noch in Überzahl, finanziert Schulen, Sozialwerke, Pflegeheime – in Corona-Zeiten erst recht eine Herkulesaufgabe. Die Jungen, beschäftigt mit Pubertät und Ausbildung, drücken wirtschaftliche Gegenwartsnöte und globale Zukunftssorgen. Vergleichsweise leben wir Alten privilegiert – frei vom Erwerbsdruck, ohne  Existenzängste. Dafür haben wir tüchtig gearbeitet, klar. Aber träumen wir jetzt einzig vom Dauerurlaub? 25 Jahre Ausruhen – ist das nicht eine bescheuerte Perspektive? Die meisten kommen doch erstaunlich unbeschadet aus dem Erwerbsleben heraus, fit, unternehmungslustig, berufs- und lebenserfahren – eine prima Ausrüstung für gesellschaftliche Akteure, nicht für Privatiers.

 

Darum plädiere ich für Solidarität der Alten mit den Jüngeren. Wir Alten wollen nicht ausgemustert, wir wollen respektierte Mitglieder der Gesellschaft sein. Dann führen wir uns am besten auch so auf – statt uns in jahrzehntelange Passivmitgliedschaft zu verabschieden. Das Steuer geben wir ab an die Jüngeren, doch wenn uns am Zusammenhalt der Gesellschaft liegt, unterstützen wir die Jungen, wir teilen ihre Sorgen, so tatkräftig wie möglich, frei von Besserwisserei. Durchaus zu unserem Eigennutzen übrigens. Die bestgelaunten Alten, die ich kenne, haben sich nie zurückgezogen, um sich nur noch um sich selber zu kümmern. Sie wirken mit dem, was sie können. Sie wissen, im Alter schrumpft die Zukunft. Da macht es am vergnügtesten, an einer Zukunft mitzuwirken, die uns überdauern wird: an der Zukunft der Jungen, der Bienen, des Planeten, der Kunst, der Quartierbeiz.

 

Ludwig Hasler, Publizist und Philosoph, Autor des philosophischen Bestsellers «Für ein Alter, das noch was vorhat» (Rüffer & Rub Verlag, Zürich 2019)

Dr. Ludwig Hasler, Philosoph & Physiker, Publizist studierte Physik und Philosophie, führt seither ein journalistisch-akademisches Doppelleben. Als Philosoph lehrte er an den Universitäten Bern und Zürich. Als Journalist war er Mitglied der Chefredaktion erst beim „St.Galler Tagblatt“, danach bei der Zürcher „Weltwoche“. Seit 2001 lebt er als freier Publizist, Vortragstourist, Hochschuldozent, Kolumnist in Tageszeitungen und Fachzeitzeitschriften. Nebenher wirkt er praktisch mit, etwa im Publizistischen Ausschuss des CH-Media-Konzerns und in der Gruppe „Digitalisierung“ des Schweizer Wirtschafts-Dachverbandes Economie Suisse. 2019 erscheint sein philosophischer Bestseller «Für ein Alter, das noch was vorhat. Plädoyer fürs Mitwirken an der Zukunft» (Verlag Rüffer & Rub). Er lebt in Zollikon am Zürichsee.

www.ludwighasler.ch

Pressestimmen:

„Ludwig Hasler, der wohl erfolgreichste Vortragsreisende der Schweiz.“ (DIE ZEIT)

„Er überzeugt mit raffinierter Argumentation – und verführt mit rhetorischer Brillanz.“ (Bayerischer Rundfunk)

„Ein brillanter Redner, der die Kongress-Teilnehmer binnen Minuten gänzlich in den Bann zog.“ (German Council Magazin)

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