Nachwuchsförderung

Mit gezielten Massnahmen den Nachwuchs an das Unternehmen binden

Seit 2009 ist Andreas Bischof Leiter der Berufsbildung bei der Bühler Group und für rund 600 Lernende an 25 Standorten auf vier Kontinenten verantwortlich. Damit nicht genug: Er hat zusammen mit Felix Tschirky, Prorektor BZWU, das multimediale Klassenzimmer «ClassUnlimited 2.0» entwickelt, Auslandseinsätze für die Lernenden möglich gemacht und im November 2019 wurde er vom Bundesrat in die ausserparlamentarische Eidgenössische Berufsbildungskommission (EBBK) gewählt.

Bühler Uzwil ist bekannt als einer der führenden Ostschweizer Lehrbetriebe. In welchen Berufen bilden Sie aus?

Aktuell bilden wir 273 Lernende in den folgenden neun Lehrberufen aus:  Anlagen- und Apparatebauer/in, Automatiker/in, Gusstechnologe/in, Industrielackierer/in, Informatiker/in, Kaufleute, Konstrukteur/in, Logistiker/in und Polymechaniker/in.

 

Sehr viele Lehrbetriebe klagen, dass sie wesentlich weniger Bewerbungen von Jugendlichen als noch vor 5 Jahren erhalten. Wie hat sich bei Ihnen die Anzahl BewerberInnen entwickelt?

Bei uns bewegt sich die Anzahl der Bewerbungen immer etwa im selben Rahmen. D.h. 400 bis 450 Bewerbungen stehen den Schulabgänger/innen mit 70 bis 75 Lehrstellen gegenüber.

 

Was sind die Erfolgsfaktoren, dass viele Jugendliche bei Bühler Uzwil eine Lehre absolvieren wollen?

Zu den Erfolgsfaktoren zählt sicherlich die Tatsache, dass in der zweiten Oberstufe alle Interessierten, unabhängig von ihren schulischen Leistungen, bei uns schnuppern dürfen.

Im Weiteren wissen die Schulabgänger/innen, dass rund zwei Drittel der Lehrabsolventen/innen ihre berufliche Karriere direkt nach der Lehrzeit bei Bühler starten.

 

In vielen Branchen wurden Lehrstellen abgebaut, dafür rekrutiert man Absolventen einer universitären Ausbildungsstätte. Welches sind die Beweggründe, dass Bühler auf die Lehre und somit auf das duale Berufsbildungssystem setzt?

Der grosse Vorteil einer Berufslehre liegt für uns darin, dass wir 3 bzw. 4 Jahre Zeit haben, um die Lernenden mit unseren Prozessen, unseren Kulturwerten, der Interkulturalität und den dazugehörigen Auslandseinsätzen vertraut zu machen. Am Ende der Lehrzeit wissen wir gegenseitig sehr genau, was wir voneinander erwarten dürfen. Denn nach der Lehrzeit zeichnen sich unsere Lernenden aus als bestens vernetzte Mitarbeiter/innen, welche die Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit schätzen und bereit sind, einen Mehrwert für den Kunden zu schaffen. So zählen sie zu unserem wertvollsten Gut – bereits während und erst recht nach der Lehrzeit.

 

Pro Jahr beenden in Uzwil rund 75 Lernende die Lehre. Wie viele bleiben Bühler langfristig erhalten?

Über die letzten 15 Jahre gerechnet blieben im Durchschnitt 71% der Lernenden direkt nach der Lehre bei uns. Von den aktuell rund 2500 Mitarbeiter/innen am Standort in Uzwil absolvierten über 800 einst eine Lehre bei Bühler.

 

Der Fachkräftemangel in technischen Berufen spitzt sich enorm zu. Gemäss Umfragen bei Lernenden wird das Thema Laufbahnplanung während der Lehrzeit kaum besprochen. Wie ist das bei Bühler?

Wir gehen dieses Thema seit einigen Jahren bewusst proaktiv an, indem wir unsere Lernenden ab Mitte der Lehrzeit in Form einer Karriere- und Laufbahnberatung unterstützen. So bleibt uns genügend Zeit, die Lernenden auf eine Berufskarriere innerhalb oder ausserhalb von Bühler vorzubereiten. Unter anderem versuchen wir, die gewünschten Weiterbildungen gezielt mit den Firmenbedürfnissen zu matchen. So transferieren wir die «Future Skills» bewusst ins Unternehmen.

 

Wie gestalten Sie den Übergang von der Lehre in den Berufsalltag?

Die Lernenden übernehmen spätestens im letzten Lehrjahr gezielt die fachlichen Aufgaben eines durchschnittlich begabten Mitarbeitenden.

Mit dem Lehrstart 2020 haben wir zudem ein Förderprogramm entwickelt, um die besten Lehrabgängerinnen und Lehrabgänger ans Unternehmen zu binden und dadurch die Talent-Pipeline zukünftiger Fach- und Führungskräfte sicherstellen zu können. Lernende können dabei für definierte Leistungen «Credits» sammeln und diese, nach Übernahme in ein Anstellungsverhältnis, für definierte Weiterentwicklungsmassnahmen einlösen.

 

Viele junge Erwachsene möchten nach der Lehre die BMS nachholen, ein Studium absolvieren und/oder eine Weltreise unternehmen. Das bedeutet, dass sie das Unternehmen verlassen. Ist das auch bei Bühler oft der Fall?

Bezüglich einer weiterführenden Schule bzw. eines Studiums versuchen wir die ehemaligen Lernenden an der langen Leine zu führen, indem wir sie in ihren Schulferien bei uns beschäftigen, mit einer Teilzeitanstellung ausstaffieren oder sie begeistern, ihre Bachelor- oder Masterarbeit bei uns zu schreiben. Die ehemaligen Lernenden wissen, dass sie solche Wünsche bis zum 25. Altersjahr direkt an unsere Berufsbildungsabteilung adressieren können.

 

Welche Anreize braucht es, damit die jungen Erwachsenen dem Unternehmen verbunden bleiben?

Nebst flexiblen Arbeitsbedingungen steht da mit Sicherheit die Sinnhaftigkeit der Arbeit im Zentrum. Die innere Motivation steigt sprunghaft, wenn die jungen Erwachsenen in einem innovativen Umfeld arbeiten, das beispielsweise für eine gesunde und nachhaltige Ernährung der Weltbevölkerung steht. Oder sich das ehrgeizige Ziele setzt, den Energie-, Abfall- und Wasserverbrauch in den Wertschöpfungsketten seiner Kunden bis 2025 um 50% zu reduzieren.

 

Was tun Sie konkret, um die Lernenden im Unternehmen zu halten?

Ab dem ersten Lehrtag bringe ich ihnen die Vorzüge unserer Firmenkulturwerte «Vertrauen», «Eigenverantwortung» und «Leidenschaft» praktisch näher. Ich nehme sie einerseits in die Pflicht, ihr Bestes zu geben, zeige ihnen andererseits auch sehr gerne die einzigartigen Chancen auf, die Bühler bietet.

Ich widme mich dabei u.a. den folgenden Themen:

 

Bestehendes anwenden

In der Volksschule haben sie Vieles und Wichtiges fürs Leben gelernt, das jetzt zur Anwendung kommt. Auch am gesammelten Wissen und an der Erfahrung aus Hobbys, Vereinen etc. sind wir bei Bühler sehr interessiert.

 

Vom Minimalismus verabschieden

Nicht nur knapp das machen, was einem gesagt wird, sondern bereit sein für mehr Leistung und Einsatz – suche täglich dein Limit – fordere dich selbst hinaus – erledige das Gewöhnliche aussergewöhnlich gut… Baue dein Wissen eigenständig und kontinuierlich auf, u.a. bieten Berufsfachschulen Freifächer an.

 

Offen sein für Neues und am eigenen Netzwerk arbeiten

Bei Bühler bieten die breite Grundbildung, die Praktika und die Versetzungsstellen vielseitige Möglichkeiten, Wissen und Erfahrungen zu sammeln. Es besteht die Möglichkeit, ein einzigartiges Netzwerk aufzubauen. Lernt über die «Lernenden Vereinigung» den Austausch mit anderen Lernenden zu pflegen.

 

Verantwortung für die eigene Entwicklung übernehmen

Eigenständig Hilfe und Unterstützung anfordern, wenn immer notwendig. Während der Lehre, mehr als irgendwann im Leben, könnt ihr auf «Menschen» zählen, die euch gerne unterstützen.

 

Dadurch entsteht ein Zugehörigkeitsgefühl, das die jungen Menschen mit reichlich Selbstvertrauen ausstattet.

Oft wird in der Nachwuchsförderung davon gesprochen, wie Jugendliche erfolgreich den Weg von der Matura ins Hochschulstudium meistern. Aber auch andere Wege führen nach Rom. Maschinenbau-Student Pascal Lieberherr ist der beste Beweis. Seine Geschichte hat er in diesem Beitrag geteilt.

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