Frau vor der Kamera, Interview zum Thema Lernende rekrutieren in der Pandemie

Lernende online rekrutieren in Zeiten der Pandemie

Ja, direkt, vor Ort ist meistens besser und wird es wohl auch bleiben. Aber: Online geht auch (fast) immer, als Alternative und besonders als Ergänzung. Das ist das Learning von Katrin Pironato, Leiterin Berufsbildung Suva St. Gallen, aus dem Lockdown im Frühjahr 2020. Innerhalb kürzester Zeit sorgte sie mit ihren Kollegen dafür, dass sie Lernende online rekrutieren konnten und sowohl die Betreuung der Lernenden, als auch die Angebote zur Berufsbesichtigung online verfügbar waren. Ihre wichtigsten Learnings und wie Sie als Berufsbildner  diese auf Ihr Unternehmen während der erneuten Restriktionen übertragen können, hat sie uns verraten.

Schnell das QV-Repetitionslager innerhalb kürzester Zeit auf online ummodeln, schnell den Info-Anlass über die Berufslehre ins Netz verlegen. Dann noch mal eben einen Video-Rundgang durch unsere Büroräumlichkeiten und einen Film über unsere Berufslehre machen. All das war während des Lockdowns im März gefragt. Es hat viel Spontanität, viele zusätzliche Arbeitsstunden und vor allen Dingen die Lernbereitschaft aller Involvierten vorausgesetzt. Wenn alle wollen, ist vieles möglich, auch in kürzester Zeit.

 

Voraussetzungen um Lernende aus dem Homeoffice zu betreuen

Die Suva ist eine sehr modern eingerichtete Versicherung. Seit 10 Jahren arbeiten wir bereits papierlos. Deshalb war es für uns keine allzu grosse Herausforderung, von einem Tag auf den anderen die ganze Belegschaft ins Homeoffice zu schicken. Viele Mitarbeitende hatten dies bereits vor dem offiziellen Lockdown an einem oder mehreren Tage pro Woche so gehandhabt. Auch die Ausbildung unserer Lernenden konnten wir deswegen nahezu nahtlos über Skype weiterführen. Ganz ohne Qualitätsverlust.

Den gleichen Anspruch hatten wir auch für sämtliche internen Lern- und Entwicklungsangebote für die Lernenden sowie unsere Möglichkeiten zur Berufserkundung. Wir wollten diese auf keinen Fall unter dem Vorwand von Corona einfach absagen.

 

Warum Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten weiterhin geboten werden müssen

Die Suva ist der Ansicht, dass die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe sich seriös auf ihre Zeit nach der obligatorischen Schulzeit vorbereiten können müssen. Pandemie hin oder her. Das ist nur dann möglich, wenn die Jugendlichen aktiv Erfahrungen in der Berufswelt sammeln und sich umfassend informieren können.

Die Möglichkeiten dazu ersatzlos zu streichen bzw. die Berufsbesichtigungsmöglichkeiten aufzuschieben ist deswegen keine zielführende Massnahme, denn auch der Start in die Berufswelt oder der Wechsel in weiterführende Schulen wird nicht aufgeschoben.

Den persönlichen Findungsprozess von «Was passt zu mir?» über «Wofür kann ich mich begeistern?» zu «Wo möchte ich mich für 3 bis 4 Jahre verpflichten?», müssen die Jugendlichen dennoch durchlaufen. Die Entscheidung für einen Beruf, eine Branche, eine Firma oder ein Team ist für die zukünftigen Lernenden nicht aufschiebbar und kann auch nicht einfach gestrichen werden. Deswegen ist es so elementar wichtig, auch in Zeiten der Pandemie, Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten sowie Berufsbesichtigungen online möglich zu machen. Andernfalls werden sich viele motivierte Jugendliche, ohne ausreichende Informationen erhalten zu haben, für einen beruflichen Weg entscheiden, der sich schon nach kurzer Zeit als vollkommen falsch herausstellen kann. Es liegt an den jeweiligen Lehrbetrieben, solche Erfahrugen zu ermöglichen.

 

Schnuppermöglichkeiten bei der Suva

Deshalb haben wir uns bei der Suva entschieden, komplett auf online umzustellen. Dazu haben unsere Lernenden eine Online-Version des Schnupper-Info-Anlasses gestaltet und wir haben diesen kurzerhand auf twitch.tv abgehalten, Rekrutierungsvideos produziert und einen digitalen Rundgang durch unsere Räumlichkeiten organisiert.  Auch für den Schnupper-Nachmittag des Vereins Triebwerk ist dies so vorgesehen. Zudem haben wir auf der Homepage des Vereins Triebwerk Videos platziert, um so den Jugendlichen Einblicke in unseren Arbeitsalltag zu ermöglichen.

 

Wie Lernende von der Situation profitieren

Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Lernenden von solch ausserordentlichen Lagen sehr profitieren können, gerade in Hinblick auf die KV-Reform 2022, in der viel mehr kompetenzorientiertes Arbeiten verlangt wird. Bei all diesen Aktionen, die unsere Lernenden auf die Beine gestellt haben, waren zukünftig vermehrt gefragte Kompetenzen unmittelbar gefordert. Sie mussten im Team zusammenarbeiten, Verantwortung oder sogar die Führung übernehmen, mit verschiedenen Bereichen und Berufsgruppen zusammenarbeiten und Kontakte knüpfen, sich vernetzen, Probleme schnell und zielgerichtet lösen, sich neue Technologien selber beibringen und sich digitale und methodische Techniken aneignen.

Abgesehen davon, dass die Jugendlichen dabei höchst motiviert sind und das Resultat ihrer Anstrengungen unmittelbar erkennbar ist, werden so ganz beiläufig auch ihre Sozial- und Selbstkompetenzen gestärkt. Sie werden zu Problemlösungsmanager/innen und Managern/innen der Zukunft. Das sind Fähigkeiten, die unsere Nachwuchskräfte benötigen und in der KV-Reform 2022 gross geschrieben werden.

 

Wie der Lehrbetrieb vom Einsatz der Lernenden profitiert

Wir als Lehrbetrieb profitieren deshalb gleich dreifach:

  1. Wir haben unseren Lernenden die Möglichkeit gegeben, sich weiterzuentwickeln.
  2. Wir können so kreativ und innovativ für unsere Lehrstellen werben.
  3. Wir suchen Jugendliche, die der Online-Welt offen gegenüber stehen; mit der Online-Version unserer Angebote erreichen wir unser Zielpuplikum noch direkter.

 

Gleichzeitig erhalten die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe trotz den widrigen Bedingungen weiterhin die Möglichkeit ihren eigenen Berufswahlprozess voranzutreiben, auch die zweite Generation, die aktuell von der Pandemie betroffen ist.

Der hohe Aufwand im Moment ist definitiv nicht zu unterschätzen, er macht sich aber für die Lernenden rasch bezahlt, und bringt auch für die Schülerinnen und Schüler und für uns als Lehrbetrieb erhebliche Vorteile.

Wir werden auch in Zukunft unsere Info-Anlässe und Schnuppertage – wenn immer möglich – vor Ort durchführen. Als Ergänzung bzw. als Alternative werden wir aber sicher weiterhin die Online-Angebote aufrecht erhalten. Pandemie hin oder her.

Autorin dieses Beitrages: Katrin Pironato, Leiterin Berufsbildung Suva St. Gallen, Referentin Branchenkundekurse, Prüfungsexpertin, Mitglied Berufsfachschulkommission KBZ St. Gallen.

“Mit Blick auf die sich immer schneller verändernde Arbeitswelt stellt das Sammeln möglichst zahlreicher und vielfältiger Erfahrungen eine wichtige Voraussetzung für eine solide und nachhaltige Ausbildung der jungen Berufsleute dar und ebnet den Weg für den zukünftigen Erfolg.”

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Datenschutz
, Besitzer: (Firmensitz: Deutschland), verarbeitet zum Betrieb dieser Website personenbezogene Daten nur im technisch unbedingt notwendigen Umfang. Alle Details dazu in der Datenschutzerklärung.
Datenschutz
, Besitzer: (Firmensitz: Deutschland), verarbeitet zum Betrieb dieser Website personenbezogene Daten nur im technisch unbedingt notwendigen Umfang. Alle Details dazu in der Datenschutzerklärung.