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Kollegiale Beratung – die wirkungsvolle Lernmethode

Die drei Lernorte «Betrieb, Berufsschule und überbetriebliche Kurse (ÜK)» verlangen von den Lernenden viel ab. Insbesondere, indem sie die erlernte Theorie aus der Berufsschule und dem ÜK unmittelbar in die Praxis transferieren können. Nach dem Motto: «Jetzt kannst du zeigen, was du theoretisch gelernt hast». Das kann Druck auf die Lernenden ausüben oder sie entmutigen. Mit der Praxisberatung lässt sich diesen Gefühlen entgegenwirken.

Theoretisch gelernt heisst noch lange nicht, es auch praktisch anwenden zu können. Zwar bekommen die Lernenden im ÜK die Gelegenheit, zu üben. Doch wie gesagt, es sind Übungen, noch dazu lediglich simulierte Situationen. Die Realität ist dann eine weitaus grössere Herausforderung: der erste Patient, die erste Kundin am Bankschalter oder im Ladengeschäft. Das alles fühlt sich anfangs fremd an. Auf einmal ist es nicht mehr das vertraute Umfeld wie Familie, Freunde, Schule. Nein, plötzlich sind es fremde Menschen, die etwas von einem erwarten. Diese neue Situation erfordert Unterstützung. Es ist wichtig, dass die Lernenden diese ersten Erfahrungen mit anderen austauschen können. Mit Kollegen, die sie verstehen, weil sie dasselbe oder ähnliches erlebt haben. Es tut den Lernenden gut, zu wissen, nicht alleine mit diesem Thema zu sein. Die kollegiale Beratung ist so ein Austausch. Ich habe das selbst im Umgang mit Lernenden erlebt, wie wirkungsvoll diese Lernmethode für sie ist.

Unter Gleichgestellten austauschen
Kollegiale Beratung bedeutet, dass beruflich Gleichgestellte gemeinsam nach Lösungen für ein konkretes Problem suchen. Der «Fallgeber», also der betroffene Lernende, schildert den «Beratern», gemeint sind die kollegialen Teilnehmenden, die Situation und lässt sich von diesen beraten. Die Beratenden müssen dabei nicht direkt mit dem Fall zu tun haben. Die kollegiale Beratung geschieht nach einem ganz einfachen Ablauf: Es braucht einen Raum, eine Gruppe Lernende und jemand, der moderiert. Letzteres muss nicht zwingend der Berufsbildner sein. Ich finde es aber auf der Stufe der Berufsbildung sinnvoll, da sich so alle Lernenden auf den Prozess und nicht auf den Ablauf und die Moderation konzentrieren müssen. Wir trafen uns fix ein Mal monatlich je 1,5 Stunden. Durchschnittlich waren zirka acht Lernende anwesend, sie entschieden sich jeweils für ein Thema respektive eine Fragestellung.

Miteinander und voneinander lernen
Die Methode gefällt mir deshalb so gut, weil keine Hierarchie besteht und die Hemmschwelle entsprechend gering ist. Im Gegenteil, es ermutigt die Lernenden, weil sie sehen, dass es anderen ähnlich geht. So können sie alsbald selbstbewusster in ihren realen Praxissituationen auftreten. Auch die Lernenden selbst teilten mir oft mit, dass sie diesen Austausch als sehr wirkungsvoll und entlastend empfunden haben. Dazu kommt: Es ist nicht nur für den Fallgeber ein Lernprofit, sondern für alle Beteiligten. Alle nehmen etwas für ihren Praxisalltag mit, weil jeder früher oder später an die gleiche oder ähnliche Situation gelangt. Zudem werden die Lernenden befähigt, sich in einer Gruppe auszudrücken, ihre Probleme zu erkennen und zu schildern. Durch das Beleuchten eines Themas wird ihre Reflexion gestärkt, dies wiederum fördert die Vernetzungsfähigkeit, was wiederum elementar ist für die Lernenden, um Verantwortung im Berufsalltag übernehmen zu können. Das heisst, die kollegiale Beratung schafft eine gemeinsame Kultur. Versuchen Sie es mit Ihren Lernenden. Ich bin überzeugt, dass Sie mit dieser Methode Erfolg haben werden und sie nicht mehr missen möchten.

Der Ablauf einer Praxisberatung

1. Fallauswahl: Der Fallgeber schildert sein Problem, was ihn an seine Grenzen gebracht hat, was für ihn schwierig ist oder was ihn beschäftigt. Die Berater/innen hören aktiv zu.
2. Gleichzeitig stellen die Berater/innen Fragen, falls sie noch mehr dazu wissen wollen.
3. Danach stellen die Berater/innen Hypothesen auf, diskutieren mögliche Zusammenhänge, der Fallgeber nimmt sich aus der Diskussion heraus.
4. Dann überlegen sich die Berater/innen mögliche Lösungen aus ihrer Perspektive, schreiben diese auf Karten auf und nach zirka 10-15 Minuten präsentieren sie ihre Lösungen. Der Fallgeber hört nur zu, er soll die Lösungen nicht werten, sondern sie vielmehr als einen Korb von Vorschlägen betrachten.
5. Schliesslich entscheidet der Fallgeber selbst, welche Lösung für ihn die sinnvollste oder geeignetste ist. Dabei gilt: Es gibt weder richtig noch falsch. Wichtig ist nur, dass die Lösung dem Fallgeber weiterhilft.
6. Beim nächsten Treffen kann der Fallgeber nochmals Stellung beziehen und erläutern, wie es ihm in der Praxis mit der Umsetzung der Lösung ergangen ist und wo er heute steht.

(Zeitlicher Aspekt: Je nach Fall kann eine kollegiale Beratung zwischen 45 und 90 Minuten dauern)

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