Handlungskompetenzorientung Lernende entsprechend beurteilen

Handlungskompetenzen bei Lernenden ausbilden

Die Handlungskompetenzorientierung ist ein wichtiges Thema in der Berufsbildung. Demnach sollen Lernende so ausgebildet werden, dass sie Arbeitssituationen fachgerecht bewältigen können und nicht nur über vertieftes Detailwissen verfügen. Während die Handlungskompetenzorientierung im Ausbildungsbetrieb und in überbetrieblichen Kursen meistens besteht, entstehen bei den Berufsfachschulen durch die neue Ausrichtung für die Lehrpersonen didaktische Herausforderungen. Der Unterricht orientiert sich häufig nicht mehr an Fächern, sondern an Arbeitssituationen. Was man unter Handlungskompetenz versteht und welchen Einfluss sie auf die Ausbildung von Lernenden an den drei Lernorten hat, haben wir für Sie zusammengefasst.

Handlungskompetenzen ausbilden

In der Bildung und insbesondere in der Berufsbildung ist die Entwicklung und Erfassung von Handlungskompetenzen ein grosses und bestimmendes Thema. So sind zum Beispiel die Bildungsverordnungen und Bildungspläne vorwiegend handlungskompetenzorientiert aufgebaut. Während früher der Erwerb von «Fachwissen» im Zentrum stand, ist heute die «Handlungsfähigkeit» zentral.

Es gab also eine Verschiebung vom «Wissen» zum «Können». Die Lernenden sollen so ausgebildet werden, dass sie berufliche Situationen und Aufgabenstellungen «handlungskompetent» bewältigen können. Diese neue Ausrichtung vom Wissen zum Können ist richtig und wichtig! Es ist hoch zu gewichten, dass Berufsleute am Ende eines Lern- und Entwicklungsprozesses Arbeitssituationen angepasst meistern können und handlungsfähig sind.

Die Zeit für das Lernen ist zu kostbar, um sie für reines Faktenwissen oder umfassendes Theoriewissen aufzuwenden, das in der Praxis nie oder nur sehr selten angewendet werden kann.

Das bedeutet nicht, dass vertieftes Fachwissen und Verständnis eine untergeordnete Bedeutung haben. Nur wer über angemessene, schnell abrufbare und anwendbare Kenntnisse verfügt, ist handlungskompetent. So wirkt beispielsweise eine Detailhandelsangestellte nicht glaubwürdig, wenn sie zu einem Produkt nicht die nötigen Details und Anwendungsbereiche kennt.

 

Was versteht man unter Handlungskompetenz?

Damit man handlungskompetenzorientiert ausbilden und schliesslich bewerten kann, braucht es ein klares Begriffsverständnis:

Handlungskompetent ist, wer komplexe und zukunftsoffene Situationen eigeninitiativ, zielorientiert, fachgerecht, situationsgerecht und sozial verantwortlich bewältigt.

Was sich hinter den verwendeten Begriffen verbirgt, zeigt sich am folgenden Beispiel: Es ist eine Wand zu streichen. Das können Laien selber machen. Die Baumärkte und Fachgeschäfte liefern das nötige Material. Nach getaner Arbeit leuchten die Wände in der gewünschten Farbe. Die Laien sind fähig, die geforderte Situation zu bewältigen. Häufig machen sie das aber nicht «handlungskompetent».

Wieso? Laien tragen oftmals zu viel Farbe auf. Es entstehen Tropfenläufe oder Flecken durch eine unregelmässige Rollenführung. Ausserdem brauchen sie viel Zeit, um den Arbeitsplatz einzurichten.

Eine ausgebildete und erfahrene Fachperson wird hingegen eine Fläche so streichen können, dass sie auch im Streiflicht regelmässig erscheint. Sie wird auf Besonderheiten des Untergrunds angemessen reagieren und beim Einsatz des Materials und beim Ablauf der Arbeitsprozesse gezielt vorgehen. Eine ausgebildete Fachperson streicht zielorientiert, fachgerecht, situationsgerecht und somit «handlungskompetent».

 

Handlungskompetenz in den drei Lernorten

Für die Ausbildung in Betrieb und Berufsfachschule, sowie in den überbetrieblichen Kursen bedeutet die Handlungskompetenzorientierung, dass die Ausbildungsaktivitäten darauf ausgerichtet sind, die Lernenden handlungsfähig zu machen.

 

Handlungskompetenz im Ausbildungsbetrieb und in überbetrieblichen Kursen

In der betrieblichen Ausbildung ist damit keine Revolution verbunden. Schon immer bildeten Betriebe ihre Lernenden so aus, damit sie geforderte Aufträge in der gewünschten Qualität erfüllen können. Auch überbetriebliche Kurse verfolgen das Ziel, den Lernenden das Rüstzeug für die Praxis mitzugeben.

Die Ausbildenden an diesen beiden Lernorten sollten sich dabei sehr bewusst sein, über welches Fachwissen und Verständnis die Lernenden zwingend verfügen müssen, denn sie müssen die Lernenden unterstützen, dieses zu erwerben.

Vor allem ist es ihre Aufgabe, den Lernenden Erfahrungen und einen breiten Einblick in verschiedene berufliche Situationen zu ermöglichen und ihnen zur Seite stehen, damit diese Aufträge selbständig, zielgerichtet und mit eigenem Antrieb ausführen dürfen.

 

Handlungskompetenz in der Berufsfachschule

Durch die Handlungskompetenzorientierung sind die Verantwortlichen und insbesondere die Lehrpersonen in den Berufsfachschulen am meisten gefordert. Sie müssen ihre Ausbildungssequenzen vorwiegend auf den Erwerb von Handlungskompetenzen und nicht nur auf den Erwerb von detailliertem Fachwissen ausrichten. Dazu orientiert sich der Unterricht in immer mehr Berufen an Arbeitssituationen und weniger an klassischen Fächern.

Die Lehrpersonen müssen dementsprechend ihr didaktisches Verständnis weiterentwickeln und allenfalls ihr Rollenverständnis anpassen. Es ist ein schmaler Grat zwischen nötigem, vertieftem und schnell abrufbarem Fachwissen und Inhalten, die Lernende allenfalls in Büchern, Normen oder im Internet schnell nachschauen und für sich zugänglich machen können.

Deshalb sollten die Ausbildenden in allen drei Lernorten sich immer wieder Klarheit verschaffen, was die Lernenden wissen müssen, welches Verständnis sie aufbauen müssen und über welche Fertigkeiten sie verfügen sollen.

 

Fazit

Mit der Handlungskompetenzorientierung ist der Berufsbildung nichts grundsätzlich Neues eingeführt worden. Dennoch hat sie besonders auf die schulische Ausbildung einen Einfluss, weil mit der Situationsorientierung von den zuständigen Lehrpersonen ein anderes didaktisches Verständnis verlangt wird, als es bei der häufig noch bestehenden Fächerorientierung der Fall ist. Für eine erfolgreiche Umsetzung der Handlungskompetenzorientierung und damit der Ausbildung zu handlungsfähigen Berufsleuten, ist ein bewusster Umgang mit dem Ermöglichen von vielfältigen Erfahrungen sowie dem Erarbeiten von nützlichem und nutzbarem Fachwissen und Fachverständnis zentral.

 

Autor dieses Beitrages: Gregor Thurnherr, Dr. phil., ist Geschäftsführer und Inhaber des Instituts Bilden Beraten GmbH. Als selbständiger Berufspädagoge bietet er verschiedene Beratungsdienstleistungen an. Ein Schwerpunkt bildet dabei die berufspädagogische Begleitung bei der Entwicklung oder Revision von Berufen. Im Oktober 2020 erschien im hep-Verlag sein Buch: Handlungskompetenzen prüfen – Leistungsbewertung in der Berufsbildung

Anfang Oktober 2020 erschien vom Autor dieses Beitrags, Gregor Thurnherr, ein Fachbuch mit dem Titel: «Handlungskompetenzorientiert prüfen – Leistungsbewertung in der Berufsbildung». Das Buch richtet sich an Lehrpersonen, Prüferinnen und Prüfungsautoren in der Berufsbildung, sowie an Ausbildende mit bewertenden Aufgaben. Es ist im Fachhandel oder direkt beim hep-Verlag erhältlich.

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