Frust in der Pandemie auch bei Azubis, Jugendlicher sitzt auf dem Boden

9 Erfolgsfaktoren für die Betreuung von Lernenden während der Corona-Krise

Corona ist für Jugendliche eine grosse Herausforderung. Manche kommen damit gut klar aber andere erleben die Pandemie als echte Krise und zeigen Anzeichen unterschiedlicher «Störungen». Wenn Kontakte zu Freunden eingeschränkt sind und die Enge zuhause zu Spannungen und Konflikten führt, ist die berufliche Ausbildung viel zu oft der einzig verbleibende stabile Lebensbereich.

 

Einflussfaktor Umfeld: Beeinträchtigung der Wahrnehmung der Pandemie

Laura hat es gut. Als angehende Dentalassistentin spürt sie am Arbeitsplatz eher wenig Veränderungen durch die Corona-Pandemie. Vor allem im ersten Lockdown wurden viele Termine abgesagt. Umso mehr Zeit hatte ihre Berufsbildnerin für sie. So konnte Laura sogar einige Schwächen im schulischen Bereich gemeinsam mit ihrer Berufsbildnerin aufarbeiten. Obwohl ihre Eltern beide zurzeit ebenfalls aus dem Homeoffice arbeiten, hat sie im grosszügigen Einfamilienhaus ein eigenes Zimmer und kann sich zurückziehen, wenn sie will. Auch ihrem grossen Hobby, dem Reiten, konnte sie während der gesamten Pandemie fast uneingeschränkt nachgehen. Einzig mit ihrem Freund Romano läuft es seit einiger Zeit nicht wirklich gut.

Romano erlebt die Pandemie komplett anders. Er macht eine Lehre als Koch in einem kleinen Gourmet-Restaurant. Seit Beginn des zweiten Lockdowns ist sein Lehrbetrieb geschlossen. Auch wenn inzwischen ein Lieferservice für die Stammkunden aufgebaut wurde, sind die Präsenzzeiten und Lernmöglichkeiten im Betrieb stark eingeschränkt. So ist er oft zuhause in der kleinen Dreizimmerwohnung, die er zusammen mit seiner Mutter und seiner Schwester bewohnt. Er soll dort Menüs kochen und seine schulischen Aufgaben erledigen. Allerdings fehlt ihm die geeignete Infrastruktur. Die Küche ist eng, der einzige Computer im Haushalt wird oft durch die studierende Schwester belegt.

Der Wechsel vom lebhaften und manchmal sogar hektischen Küchenalltag zum Kurzarbeits-Einerlei daheim ist ihm nicht gut bekommen. Er vermisst den Chef mit seinen klaren Aufträgen, den Druck der wartenden Gäste und die lockeren Sprüche der Küchencrew. Er fühlt sich allein, ist oft niedergeschlagen, antriebslos und macht sich Sorgen um seinen Lehrabschluss im kommenden Sommer. Wenn seine Mutter nach einem harten Arbeitstag in der Pflege erschöpft nach Hause kommt, macht sie ihm höchstens Vorwürfe, wenn er nicht einmal ein Nachtessen bereitgemacht hat. Weil auch der Skatepark geschlossen ist, bewegt sich Romano viel weniger, ihm fehlt das Gefühl von Freiheit, der Kick durch neue Moves und der Kontakt zu seinen Freunden. Einzig mit seinem Kumpel Ben verbringt er regelmässig Zeit. Sein Cannabiskonsum hat dabei stark zugenommen. Zugedröhnt oder in mieser Stimmung sind die Treffen mit Laura auch nicht mehr das, was sie einmal waren…

 

 

Negative Auswirkungen auf die Psyche der Jugendlichen

Alle Studien zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Jugendliche kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Die Arbeit im Homeoffice, die nur eingeschränkt möglichen Treffen mit Freunden, der fehlende Vereinssport und monatelang keine einzige ausgelassene Party verlangen den Jugendlichen viel ab. Zunehmend hat die Corona-Krise deswegen gravierende Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der jungen Menschen.

So sind kinder- und jugendpsychiatrische Dienste komplett ausgelastet. Auch Beratungsdienste erleben eine massive Zunahme an Hilfegesuchen. Anfragen zum Thema «Einsamkeit» stiegen 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 37 %. Anfragen zum Thema «Freunde verlieren» um ganze 93 %. Beratungen zum Thema «psychische Erkrankung» nahmen mit Beginn der 2. Welle (Okt – Dez) um satte 40 % zu.

Die Pandemie belastet natürlich auch die Eltern und somit ganze Familien. Kurzarbeit oder Arbeitsplatzverlust führen zu finanziellen Engpässen und Existenzängsten. Enge Wohnverhältnisse ohne Ausweichmöglichkeiten verschlechtern das Familienklima und erhöhen das Risiko von Konflikten und sogar häuslicher Gewalt. So wurde im Jahr 2020 wesentlich mehr Unterstützung wegen innerfamiliärer Probleme bei den zuständigen Beratungsdiensten angefordert:

  • Konflikte mit den Eltern (+ 60 %),
  • Konflikte mit Geschwistern (+ 100 %) und
  • häusliche Gewalt (+ 70 %).

Insbesondere bei Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien sinken die Lernqualität, die schulischen Leistungen, der Bildungserfolg und damit auch die Jobaussichten nach der Lehre.

(Quelle: Pro Juventute, Corona-Report, Februar 2021)

Die Rolle der Berufsbildner*innen

Können Sie als Berufsbildner*in derzeit überhaupt etwas tun, um Ihre Lernenden dabei zu unterstützen besser mit den Auswirkungen der Corona-Krise klarzukommen? Ist das überhaupt Ihre Aufgabe?

Durchaus! Jugendliche, denen es einigermassen gut geht, lernen besser, sind motivierter und können mehr Leistung erbringen. Wenn Menschen krisenartige Situationen erleben ist es äusserst wichtig, dass mindestens ein Bereich ihres Lebens so stabil wie möglich bleibt. Eine Art «Landkarte» für unterstützendes Berufsbildner-Handeln bietet das Konsistenzmodell des deutschen Psychologen Klaus Grawe. Er beschreibt darin vier Grundbedürfnisse, die für Lernende (und Menschen generell) in ausreichendem Mass befriedigt sein müssen. Nur so wachsen sie gesund auf und können motiviert arbeiten (hier mit Hinweisen für Vorgesetzte im betrieblichen Kontext):

  • Selbstwerterhöhung durch Zuwendung, Interesse, bestärkendes Feedback, fairen Umgang, Anerkennung und Wertschätzung
  • Zugehörigkeit durch wohlwollende Beziehungen auf Augenhöhe, regelmässigen Austausch, gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen
  • Orientierung, Sicherheit und Kontrolle durch sorgfältig ausgewählte und vollständige Information, klare Regelungen, nachvollziehbare Anweisungen, erreichbare Ziele, Handlungs- und Gestaltungsspielräume und die Möglichkeiten zur Mitsprache
  • Arbeitsfreude und Spass (Lustgewinn) durch interessante, herausfordernde Aufgaben mit Erfolgserlebnissen, Berücksichtigung der Vorlieben der Lernenden oder der besonderen Fähigkeiten, Humor

 

Ausbilden während der Pandemie: Eine Herausforderung für alle Beteiligten

Zugegeben, wo Betriebe selber im Ausnahmezustand sind und Berufsbildende und Lernende im Homeoffice arbeiten müssen, ist die Betreuung, Motivation und Unterstützung der Lernenden anspruchsvoll.

Tsering Gähler, Berufsbildnerin im Gesundheitsdepartement des Kantons St.Gallen, begleitet seit Januar einen Lernenden durch sein einjähriges Praktikum als zukünftiger Kaufmann. Abgesehen vom erschwerten Start des Praktikums (mitten im Lockdown mit verordnetem Homeoffice) hat Ari (Name geändert) im Dezember auch noch seinen Vater verloren, nachdem dieser von einem Auto angefahren wurde. Tsering schildert ihren Umgang mit dieser kritischen Situation folgendermassen:

“Bereits im Herbst wollte ich mich für die absehbare Herausforderung fit machen und buchte das Seminar «Führen von Lernenden auf Distanz». Das brachte mir viele wertvolle Anregungen und machte mich sicherer. Seit Beginn des Praktikums treffe ich mich jeden Tag um 8.00 und 14.00 Uhr zu einem digitalen Meeting mit Ari. Im Vordergrund steht dabei für mich die Menschlichkeit. Ich frage, wie es ihm geht und lasse ihn länger erzählen, als im normalen Arbeitsalltag. Ich gebe ihm auch Anregungen für seine Freizeitgestaltung, damit er genügend Abwechslung und Bewegung hat.”

Lernende führen auf Distanz erfordert Struktur und intensive Betreuung

Tsering schildert den Arbeitsalltag des Lernende wie folgt: “Aris Arbeitstage sind geplant und klar strukturiert. Ich gebe ihm kurzfristige Aufgaben und langfristige Aufträge, an denen er bei Leerzeiten arbeiten kann. Neue Einführungsthemen und Aufgaben bereite ich noch ausführlicher vor als sonst. Aufträge – egal, ob für die Organisation oder für Kunden – besprechen wir sorgfältig. Anschliessend bearbeitet er z.B. eine Korrespondenz oder einen Versand selbständig. Vor Versand prüfen wir gemeinsam, ob alles korrekt ist. Nach Abschluss des Auftrags fassen wir das Wesentliche nochmals zusammen und halten es – wenn nötig – als Checkliste fest.

Das ist aufwändig. Aber auf Distanz braucht es engere Führung. Mir ist wichtig, dass Ari möglichst viele Erfolgserlebnisse hat und selbstsicherer wird. Ich lobe ihn oft. Besonders, wenn er Eigeninitiative zeigt oder eigenständige Überlegungen anstellt. Trotz Homeoffice soll er für die Zeit danach fit sein. Ich bin für ihn jederzeit erreichbar, falls er Fragen hat. An meinen freien Tagen oder wenn ich selber besetzt bin, übernimmt der zweite Sekretariatsmitarbeiter diese Rolle.

 

 

Wie Lernende trotz Homeoffice Teil der Belegschaft werden

Über mehrere Monate verteilt hat Ari Online-Meetings mit den Mitarbeitenden der verschiedenen Fachstellen. Das sorgt für Abwechslung und er lernt nach und nach alle Kolleginnen und Kollegen, sowie ihre Tätigkeiten kennen. Zusammen mit der Teilnahme an den wöchentlichen Meetings der Gesamtteams versteht er so immer besser, wie unsere Organisation funktioniert und welche Dienstleistungen wir unseren Kunden anbieten. Schliesslich organisiere ich 1-2-mal pro Woche gemeinsame Online-Pausen des Sekretariatsteams. Da erzählen wir uns gegenseitig aus unserem Alltag. Oft geht es dabei ziemlich ausgelassen zu und es gibt viel zu lachen.

 

 

Die Erfolgsformel für die Motivation und Betreuung von Lernenden währen der Pandemie

Die Formel für «Covid-kompatibles Berufsbildner-Verhalten» ist relativ einfach:

  1. Machen Sie mehr von dem, was auch in normalen Zeiten zu einer guten Beziehung, erfolgreichem Lernen und der persönlichen Entwicklung Ihrer Lernenden beiträgt!
  2. Zeigen Sie noch mehr Interesse an Ihren Lernenden, fragen Sie bewusst nach den aktuellen Lebensumständen und Erfahrungen.
  3. Führen Sie häufigere und längere Gespräche.
  4. Seien Sie noch präsenter und möglichst lückenlos erreichbar.
  5. Sorgen Sie dafür, dass Regeln und Abläufe wirklich klar und verbindlich sind und fordern Sie die Einhaltung – wenn nötig – freundlich aber hartnäckig ein.
  6. Planen Sie Lernprozesse noch sorgfältiger und stellen Sie zusätzliche Hilfsmittel zur Verfügung.
  7. Geben Sie möglichst viel bestärkendes Feedback und dosieren Sie Kritik noch stärker.
  8. Bieten Sie immer Unterstützung an.
  9. Beobachten Sie bewusster und reagieren Sie ab sofort einfühlsamer, wenn Sie unerwünschte Veränderungen im Verhalten Ihrer Lernenden wahrnehmen.

 

Und nicht zuletzt: Sorgen Sie sehr gut für sich selber und holen Sie sich Unterstützung, wenn Sie sich überfordert fühlen.

FWS-Apprentice (fws-apprentice.ch)

Friendly Work Space (FWS) Apprentice ist ein Angebot für Berufsbildende zur Förderung der psychischen Gesundheit von Lernenden

Öffentlicher «ensa Erste-Hilfe-Kurs für psychische Gesundheit»
ensa Präsenzkurs mit Fokus Jugendliche
Datum: 30. April – 21. Mai 2021, 4 Sessions
Zeit: jeweils 17:00 – 21:00 Uhr
Ort: ZEPRA, Unterstrasse 22, 9001 St.Gallen
Veranstalter: Pro Mente Sana

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